Erlebnisbericht zum Fallschirmspringen Dirk

Blue skies

Sonntag Morgen, sieben Uhr.

Nicht wirklich die Zeit, um aufzustehen. Eigentlich noch nicht mal die Zeit, um kurz wach zu werden, einen verschlafenen Blick auf den Wecker zu werfen und sich dann sofort wieder auf die Seite zu rollen. An diesem Sonntag stehe ich trotzdem auf. Mit einem leicht flauen Gefühl im Magen, nicht weil am Samstag Abend lange gefeiert wurde, sondern weil ich mit meiner großen Klappe wieder mal getönt habe – “Fallschirmspringen, easy…”

Auf dem Weg nach Elsenborn (ein kurz hinter der belgischen Grenze gelegener Ort mit Militärflughafen) bin ich ganz entgegen meiner üblichen Art einigermaßen still. Mir gehen etliche skurrile Gedanken durch den Kopf. Ich befasse mich tatsächlich mit der Lebensversicherung, die meine Freundin zwar kürzlich abgeschlossen hat (um irgendwann mal reich und berühmt zu sein), die aber für “Risikosportarten” einen Aufschlag von 60% verlangte, den sie natürlich nicht bezahlt hat. War das klug? Ich erwische mich beim Grübeln über das Risiko, das ich tatsächlich eingehen würde, frage mich, was schief gehen könnte, und überlege, wer in diesem Fall meine Plattensammlung bekommt.

Mir fällt aber auch ein sehr alter Mann ein, den ich in grauer Vorzeit, als ich gerade ein Teenager wurde und meine Urlaube noch mit den Eltern in einem völlig verschlafenen Ort auf Ibiza verbrachte, kennengelernt hatte. Dieser alte Mann, ein bärbeißiger Hamburger, reich geworden mit bizarren Importgeschäften, war klasse. Zum einen lieh er mir sein Mofa, bei dem er statt des üblichen Rasenmähers den Motor eines Leichtkraftrades eingebaut hatte, und auf dem ich mit satten achtzig Stundenkilometer diesen völlig verschlafenen Ort Ibizas hinter mir lassen konnte. Zum anderen erzählte er abends beim Grillen die Geschichten seiner Fallschirmsprünge. Nicht dass ich deutsche Wehrmachtsangriffe auf griechische Ferieninseln billige, aber der Faszination seiner Erzählungen konnte ich mich als Dreizehnjähriger nicht entziehen.

 

Die Einweisung
In Elsenborn angekommen, treffe ich Simone Bernert, Inhaberin der Agentur 2-fly.de (Info siehe Kasten), die den heutigen Sprung für mich organisiert hat. Simone ist mit über 500 Sprüngen eine erfahrene Fallschirmspringerin und gehört zu den beneidenswerten Menschen, die ihr Hobby zum Beruf machen konnten. Sie erzählt von dem unglaublichen Gefühl des freien Falls, vom Eintauchen in das Himmelsblau, vom Spiel mit der Luft. Und während sie erzählt, beobachte ich die Springer, die vom ersten Flug zurück kommen, und die alle ein Zahnpasta-Lächeln im Gesicht tragen.
Die Einweisung ist wenig spektakulär: Als Gast bei dem Flug habe ich nicht viel zu tun. Wir machen ein paar kurze Trockenübungen, Simone erklärt mir, wie ich mich während des freien Falls zu verhalten habe, welche Position ich wann einzunehmen habe und was bei der Landung zu beachten ist. Aber das Wichtigste, was sie mir mit auf den Weg gibt,ist: “Genieße es!”

Der Tandemmaster
Hans ist mein Tandemmaster. Ich treffe ihn, als er gerade den Fallschirm packt. Ich schaue ihm wissend dabei zu, will irgendwie kontrollieren, ob er das auch alles richtig macht und kann dann doch nur feststellen, dass der Schirm vollständig in den Rucksack passt. Hans hat über 1800 Sprünge absolviert. Diese Zahl gibt mir Vertrauen, trotzdem will ich mehr wissen und frage ihn, ob es irgendwie Gewichtsprobleme geben könnte, schließlich bringe ich doch einiges an Pfunden mit und bin außerdem noch einen Kopf größer als er. Nachdem ich ihm verschämt meine 90 Kilo gestanden habe, lacht er und sagt: “Ich hatte mal einen mit 114 Kilo, kein Problem.” Na gut, ich zwänge mich in die Fliegerkombi und fühle mich wie der rote Baron auf Whopper. Ich schlüpfe in die Gurte, Hans zurrt sie fest und klemmt dabei Dinge ein, die ganz deutlich nicht eingeklemmt werden sollten. Ich bringe kurz Ordnung in meine Hose. Jetzt kann es losgehen.

Der Flug
Keine Stewardess, keine Erfrischungstücher, keine Cola in Minidosen. Wir kauern am Boden, ich sitze praktisch auf Hans’ Schoß und auf meinem sitzt eine blonde Belgierin, die mir noch nicht mal vorgestellt wurde. Das Flugzeug ist voll. Eine Gruppe Formationsspringer ist an Bord, ein weiterer Tandemspringer und Michael, der Kameramann, der kurz zuvor für Aufsehen gesorgt hatte, weil er gezwungen war, den Reserveschirm zu benutzen, als sich sein eigentlicher Schirm beim Öffnen verhedderte, und er ihn kappen musste. Ich bewundere ihn insgeheim dafür, sofort wieder in das Flugzeug zu steigen, aber er meint nur: “Das ist nichts Besonderes, eine Reserve hat jeder mal, und genau in dieser Situation zeigt sich erst, wie gut man geschult ist. Schirm kappen, Reserve ziehen, gucken wo der Schirm hinsegelt, fertig.” Ich suche dennoch in seinem Gesicht nach Spuren von Nervosität oder Angst, aber da sind keine.
Dafür habe ich die Hosen ziemlich voll. Tags zuvor hatte ich, als Barbarez sein Tor gegen Bayern schoss und mein Vater und ich wilde Tänze im Wohnzimmer meiner Eltern aufführten, einem inneren Impuls folgend meinen Blutdruck gemessen. Die 180 zu irgendwas bei einem Puls von 146 erreichte ich gerade locker wieder. Mein Herz pocht in einem mir unbekannten afrikanischen Trommelrhythmus, meine Kehle ist trocken wie die Wüste Gobi und der Schweiß fließt wie ein mittlerer Sturzbach. Ich habe Angst.
Meine stoßsichere, japanische Plastikuhr sagt mir, dass wir 700 Meter über Normalnull gestartet sind und uns jetzt langsam der Absprunghöhe nähern. Innerhalb einer viertel Stunde steigt das Flugzeug auf 4000 Meter (über dem Boden, nicht über Normalnull) und irgendwann spricht der Pilot: “Noch zwei Minuten”. Die Springer, die bis dahin alle ruhig und konzentriert auf dem Boden harrten, kommen in Bewegung. Man wünscht sich Glück. “Noch eine Minute.” Die Kabine wird geöffnet, der Wind pfeift und rauscht in den Flieger. Die Formation macht sich bereit zum Springen. “Jetzt.” Einer nach dem anderen stürzt sich in die Tiefe.

Der Sprung
Hans und ich robben zur Luke. Mein kurzer Gedankenblitz “was mache ich hier eigentlich, warum soll ich ohne Not aus einem funktionierenden Flugzeug aussteigen?” wird von Hans mit den Worten “Kopf in den Nacken” weggewischt. Ich sehe Kameramann Michael breit grinsen. “Jetzt !!!” Wir springen. Ein kurzer Moment der Panik, ohrenbetäubender Lärm, und dann schreie ich. Ich schreie vor Freude, schreie vor Begeisterung. Wir fliegen, wir rasen der Erde entgegen. Es ist unglaublich. Eine Minute freier Fall. Mit circa 220 Stundenkilometern stürzen wir vom Himmel. Es ist die längste, großartigste Minute meines Lebens, mit nichts zu vergleichen. Ich genieße es wie Sex nach einer Meisterschaftsfeier von Fortuna Düsseldorf – aber das hier ist absolut real. Michael findet Zeit, uns auf unserem Flug kurz zu besuchen, hält mir die Digitalkamera ins Gesicht, grinst mich an, streckt mir die Zunge raus, und ich lache, strecke ihm ebenfalls die Zunge raus und wir fallen weiter.
Plötzlich gibt es einen heftigen Ruck und ich habe das Gefühl, in der Luft zu stehen. Hans hat den Schirm ausgelöst. “Wir hatten eine sehr schöne Öffnung”, sagt er und das beruhigt mich hinsichtlich unserer Ankunft am Boden, aber es war doch viel zu früh. Wir hatten doch noch jede Menge Zeit. Ich hätte ewig weiter fallen können.
So berauschend der freie Fall war, so gemütlich wird unser Flug mit geöffneter Kappe. Wir unterhalten uns, suchen den Boden nach Michaels verlorenem Schirm ab und schweben langsam dem Landeplatz entgegen. Gute fünf Minuten dauert es, bis Hans mich anweist, die Beine für die Landung hoch zu nehmen. Jetzt kommt der Boden doch einigermaßen fix näher. “Beine runter und laufen”  höre ich, aber das funktioniert nicht ganz so wie gewollt und so rollen wir uns ab und liegen im Gras. Hans löst die Karabiner an meinem Gurt, ich hocke mich hin und jubele. Es war so unglaublich phantastisch, dass ich sofort wieder ins Flugzeug steigen will.

 

Am Boden
Das Grinsen in meinem Gesicht bleibt mir den ganzen Tag erhalten. Ich umarme Hans und danke ihm für das unbeschreibliche Erlebnis, ich umarme Simone und danke ihr, dass sie es möglich gemacht hat, ich umarme Jutta und danke ihr für alles.
Ich konnte über nichts anderes mehr sprechen und war froh, dass ich meine Geschichte an diesem Tag noch mehrfach erzählen konnte. Jutta musste sich das Ganze circa zehn mal anhören, aber sie war gütig und nennt mich seitdem “Mutiger Dirk” statt “Dicker Dirk”.

Im Heft 7/8 2001 ist dieser Beitrag erschienen